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Presse "Faust spielen"

Theater heute Oktober 2009

Schönste und geistreichste Verwandlung des ganzen Festivals

"Das «Figurentheater Wilde & Vogel» spielt mit dem genialen österreichischen Puppenmeister Christoph Bochdansky «Faust» so wie er in keinem Reclam-Heft steht: eine packend-respektlose, irrwitzige Annäherung an den Kern des Weisen, eine klug-neugierige Hinterfragung der Faszination des Mannes, der da in betörenden, einfachen Bildern von seinem Sockel geholt wird und wie eine körperlose Fratze im Sinn-Sumpf stecken bleibt. Vielleicht war das die schönste und geistreichste Verwandlung des ganzen Festivals: Bochdansky und Michael Vogel, die in die Hirnweiten Fausts vorstießen, robbend und schreiend ganze Szenen und Schauplätze aus dem Ärmel zauberten, die Jugend und alle Tode durch die Luft trieben» um dem alten Zausel endlich am Rand einer rostigen Blechschüssel ein wenig Ruhe am nackten Po einer kleinen Porzellan-Nymphe zu gönnen. Von wegen Jungbrunnen!" (Festivalbericht Erlangen/Nürnberg/Schwabach/Fürth 2009)

double

So gar kein Trauerspiel

"Hemmungslos bricht sich die Spielfreude Bahn, triumphieren dem Tragödienthema zum Trotz die witzigen Momente. Dabei schaffen es Vogel und Bochdanksy mit wenigen Mitteln ihr effektvolles Spiel zu gestalten. Begleitet, untermalt und bereichert wird das Bühnengeschehen durch Charlotte Wilde, die mit experimentellen Klanginstallationen einen angemessenen Soundtrack live erschafft. Faust spielen ist mal derb, mal zart, ist zünftiges Kasperltheater, wildes Handgemenge und Possenreißen, rauschhaftes Treiben, düsterer Reigen und Mysterienspiel. Ironisch durch und durch, ist diese Adaption des tragischen Goethestoffes, der das Faustische als Grundmotiv der Moderne erkennt, so gar kein Trauerspiel." (Double)

 

Fürther Nachrichten, 25. Mai 09

Höhenflüge der Fantasie

Das letzte Wochenende des Figurentheaterfestivals in Fürth

Beim Figurentheaterfestival am Samstagabend im Kulturfortum prallten mit „»FAUST spielen" von Figurentheater Wilde & Vogel und Christoph Bochdansky und „LIFE.stories" vom Marc Schnittger Figurentheater zwei Welten aufeinander Am Ende bleibt
bei Faust nur eine zerplatzte Tüte Staub. Doch bis es soweit ist, haben Christoph Bochdansky, Michael Vogel und Charlotte Wilde das Publikum mit grandiosem Bildertheater auf eine atemberaubende Reise geschickt. Mit ihrem Spiel entfalteten die drei Künstler einen surrealistischen Bilderbogen, der noch die tiefsten Tiefen der menschlichen Seele auslotet. Schnell wirft man die Vorlage gedanklich über Bord und überlässt sich ganz dem Sog der Bilder. Dabei setzen die Figuren und Schauspieler nicht nur Marionetten und Verkleidungen ein, mit live gespielten Klang-Installationen, Gesang, Feuer, Weihrauch und allerhand seltsamen Requisiten entfachen Bochdansky, Vogel und Wilde ein Spiel, das alle Sinne betört. Die Walpurgisnacht wird mit dem Gehörnten und Bocksfüßigen, obszönen Gesten und wildem Gekreische zu einem irren Hexentanz voller Fantasie, Fast meint man sich an die Malerei von Hieronymus Bosch mit ihrer apokalyptischen Bilderwelt erinnert, an den „Garten der Lüste" voller insekten- und vogelartiger Mischwesen.
Auf der Schwelle zwischen Leben und Tod ereilen Faust Erinnerungen an Forschendrang und Teufelspakt. Die virtuosen Spieler zerlegen die große Tragödie, um sie voller Ironie wieder zusammenzusetzen. Das beste daran: Bochdansky und Vogel lassen dabei großes Kopfkino voller magischer Momente entstehen. Doch eines täuscht. Mephisto hat sie nicht verlassen - dies hier ist die Hölle. Höllisch gutes Figurentheater.


Esslinger Zeitung, 4.11.08

Welttheater im Schnelldurchlauf

"Faust spielen" im Stuttgarter Fitz ist ein Spektakel mit viel farbigem Pathos

Von Petra Bail

Stuttgart - "Faust" in 70 Minuten ist ein Geschwindigkeitsrekord. Wo andere lange Bühnenstunden inszenieren, verdampfte das Stuttgarter Figurentheater Wilde & Vogel gemeinsam mit dem Wiener Christoph Bochdansky eine der bedeutendsten Tragödien der deutschen Literatur zu einem mystisch-lustvollen Spektakel mit viel farbigem Pathos. "Faust spielen" heißt die durchaus sinnstiftende Mini-Menschheitsparabel, die als weitgreifendes Kooperationsprojekt im Stuttgarter Fitz Premiere hatte.

Liebe, Leiden, Wissenschaft

Vor Beginn der Vorstellung glaubt man kaum, dass bei so viel Weglassen aus der Tragödie erstem und zweitem Teil überhaupt ein Wiedererkennungseffekt mit Goethes Großwerk entsteht. Tatsächlich haben sich die Spieler Christoph Bochdansky und Michael Vogel mit Unterstützung der Live-Töne von Charlotte Wilde an die wichtigsten Themen gehalten: Liebe, Leiden, Wissenschaft. Regisseurin Christiane Zanger sorgte mit sorgfältigem Überblick und spürbarer Führung dafür, dass sich das schäbig-prächtige Panoptikum nicht in den zahlreichen Episoden verliert.

Die beiden Spieler stehen da, der kleine Bühnenvorhang in samtigem Ochsenblutrot reicht ihnen bis an die Hüfte, und ein kleines Welt­theater tut sich auf. Der alte Faust schaut als schaurig-schöne Marionette zurück auf sein Leben. Das Fazit ist niederschmetternd. Es fehlt ihm an wissenschaftlicher Erkenntnis, und mit dem Genießen klappt's auch nicht. Gute Voraussetzungen für Mephisto, der mit Gott wettet, dass er den frustrierten Griesgram verführen kann. Viel Rauch um nichts, heißt das auf die Bühne übersetzt. Da quillt Qualm aus einer blauen Mülltüte, in die sich Faust wie in einen Kokon zwängt. Das ist zu eng, da muss er raus. Schließlich schließt er mit Mephisto einen teuflischen Pakt, den er mit seinem Blut besiegelt. Dem Klumpfuß verdankt er die unheilvolle Affäre mit Gretchen und viel faulen Zauber auf diversen schrägen Partys. Während Gretchen in heller Verzweiflung ihr Kind tötet, amüsiert sich der Herr beim Grotesktanz der Hexen auf dem Blocksberg. Zu wabernden Weihrauchschwaden, haucht Gretchen in größter Not den Kernsatz: "Heinrich, mir graut's vor dir."

Die Sauerei vom ersten Teil wird weggeräumt. Die Handpuppen, Marionetten, Masken und Figuren sind die von banalen Alltagszwängen befreiten Spielzeuge der Fantasie. Sie erstarren. Die Spieler haben Pause auf offener Bühne. Ein Schluck Wasser, dann folgen karikaturhafte Bruchstücke des Zaubertheaters zweiter Teil.

Magische Kraft

Auch wenn das Drama nicht zu einem komplexen Gebilde zusammengesetzt wird, bewahrt es sich jene magische Kraft, die aus den Gerüchen, den sanften Tonfolgen, dem Höllenlärm, der Darstellungskraft der Spieler und der Intensität des Figurenspiels entsteht.

Aus der Schicht des Vergessenen steigt in Fragmenten die Lebensreise des verführten Verführers auf. Die tieferen Einblicke ins Weltgeschehen ändern nichts am Verlauf des Karikaturentheaters: Eine Lebenserinnerung reduziert sich auf die Momente des Glücks, der Verzweiflung und der Armseligkeit. Dem entspricht ein komprimiertes Kreaturenspiel voller mystischer Sinnlichkeit, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Teuflischen Spaß macht's trotzdem.

 

Stuttgarter Nachrichten, 03.11.08

Der Marionetten-Greis

Das also bleibt von des Menschen Gier nach gottgleicher Grenzenlosigkeit: Am Ende verweht Faust in einer mit Weihrauchdunst geschwängerten Nebelschwade zur Handvoll Staub aus einer geplatzten Papiertüte.

„Faust spielen" nennen das Stuttgarter Figurentheater Wilde & Vogel und der Wiener Christoph Bochdansky ihren respektvoll-frechen Blick auf den Goethe-Klassiker. Heraus kommt dabei am Donnerstag bei der ausverkauften Premiere im Fitz eine von Regisseurin Christiane Zanger geschickt zwischen Komik und Tragik austarierte Bühnenuntersuchung über menschliche Hybris. Sie verwandelt die Welt auf der Bühne in eine seelenlose Tabula rasa. Die Spieler müssen Natur simulieren, indem sie unter schwerer Plastikdecke zum Gebirge mutieren. Oder mit zwei Blättergirlanden als lauschiger Hain umher seh weben. Einsam kriecht das letzte Lebewesen in Gestalt einer Schnecke vor sich hin. Bis sie von einem brutalen Fußtritt zermalmt wird.

Wer zur Premiere kam, erlebte einen Abend faszinierender visueller und musikalischer Bilder. Mit ihren geklopften, geschabten und elektronisch verzerrten Klängen auf vielfältigem Instrumentarium bestimmt Charlotte Wilde subtil den Rhythmus des Geschehens. Zu beobachten, wie die Spieler Michael Vogel und Christoph Bochdansky mit kunstvollen Masken, schauerlich-schönen Fantasiefiguren und vielerlei Objekten Faust bei seinem Herumirren in der Lebensgier ironisch begleiten, ist theatralischer Genuss pur.
In gut siebzig Minuten zappen sich die beiden Darsteller und die Musikerin durch der Tragödie beider Teile. Beim Prolog im Himmel stopft sich Mephisto als greinendes Teufli selbst in des Herrn Müllsack. Des Höllenfürsts Vertragspartner Faust erweist sich als effeminierter, nicht mal mehr der Lüsternheit fähiger Trottel. In Gestalt eines zottelhaarigen Marionetten-Greises schiebt er Helena, eine winzige Gipsnackedei aus dem Souvenirshop, in einem Fußbadewänn-chen mit Springbrunnen mühsam über die Bühne. Und ächzt sich dabei in den Kollaps. Homunculus, der künstliche Mensch, ist ein ferngesteuerter Latex-Winzling. Gefangen in einer Plastikflasche - die Bankrotterklärung der Schöpfung Gottes auf blauer Gummimatte aus der Sporthalle. Horst Lohr

 

Ludwigsburger Kreiszeitung, 3.11.08

Ein Narr sucht die Wahrheit

"Faust spielen " als gekonnte Kurzweil im Figurentheater

"Faust spielen" wollen das Figurentheater Wilde & Vogel und der österreichische Spieler Christoph Bochdansky im Figurentheater Fitz. Herausgekommen ist ein lebhaftes und kurzweiliges Durcheinander von Stilen und Inhalten.

Darf man mit Faust spielen? Ist der Stoff nicht zu ernst und zu wichtig dafür? Die Akteure im Stuttgarter Fitz geben die Antwort klar und deutlich: So wie sie hier agieren, ist es geradezu eine Pflicht, mit dem tonnenschweren Monumentalwerk deutscher Literatur spielerisch umzugehen. Zumal so mancher Theatermensch viele Sequenzen des Dramas für nur schwer spielbar hält.

Die beiden Darsteller Michael Vogel und Christoph Bochdansky tun genau das - und spielen mit dem Stück, seinen Personen und Themen. Sie hüpfen durch die Handlungen, sowohl im übertragenen wie im bildlichen Sinne, geben sich als Puppenspieler, als dramatisch ernste Darsteller und sehr häufig auch eher als Clowns denn als ernsthafte Mimen. So entsteht, wieder hervorragend eingebettet in Charlotte Wildes Musik- und Geräuschteppich, den sie vom Rand der blauen Mattenspielfläche aus ausrollt, ein neues Theatererlebnis. Es gibt neue Zugriffe, überraschende Sichtweisen auf Goethes zitatenreiches und manchmal rätselhaftes Bühnenwerk frei.

Kurzweilig, oftmals und mit fortschreitender Dauer zunehmend spaßig, durcheilen die drei mit ihren phantasiereichen Figuren und Masken das Werk, geben ihm Leichtigkeit und manchmal gar Anmut. Und so mancher, dem der Faust eigentlich zu anstrengend ist, hat hier endlich einen spielerischen und doch auch ernsthaften Sucher nach einem Mehr an Wahrheit, an Wissen und an Leben. Dabei wird dessen Streben - mehr als im Original -entlarvt als unerfüllbar. Ja, man könnte sagen, hier wird Faust endgültig zum Narren, wenn er seine Grenzen sprengen will. (Arnim Bauer)

 

Stuttgarter Zeitung, 3.11.08

Das Figurentheater Fitz zeigt „Faust spielen"

Wenn zwei Figurentheaterspieler und eine Regisseurin gegen den Text von Goethes „Faust" antreten - kann das gutgehen? Bei dem Projekt „Faust spielen!" im Fitz jedenfalls haben Christoph Bochdansky, Michael Vogel und Christiane Zanger (Regie) nicht einfach das deutsche Großdrama irgendwie mit Objekten und Puppen „umzusetzen" versucht. Stattdessen kontrastieren sie heftig Text und Spiel. Beim „Prolog im Himmel" steckt Mephisto in einem Müllsack. Und der alte Faust sieht als handgeführte Puppe mit seiner Zauselfrisur aus wie ein 95-jähriger Germanistikprofessor. Püppchen Faust besabbert ein nacktes weibliches Wesen, eine Statuette, die in einem Eimer steckt.

Wundervoll, wie Goethes Pathos schnoddrig ignoriert wird. Christoph Bochdansky und Michael Vogel spielen mit vollem Körpereinsatz, und sie führen groteske Puppen, etwa eine umwerfend komische Hexe in schwarz glitzernder Gewandung aus Lurex (Ausstattung: Bochdansky und Vogel). Charlotte Wilde spielt live auf der Bühne E-Violine und E-Gitarre, zu hören sind fantastische Klänge, raues Scheppern, mächtiges Dröhnen und raffiniertes Quietschen. Bildkräftig ist die Szene mit dem alten Faust geraten, dem ein alberner Umhang umgelegt wird. Peinlich schwadroniert Faust von seiner Sozialutopie. Figurentheater holt vom Sockel, was vermeintlich groß ist. In „Faust spielen" ist keinerlei Respekt vor des Großdichters erhabenen Versen zu spüren. Stattdessen bietet die Inszenierung eine tolle Ästhetik, wenn Goethes „Anmutige Gegend" mit kahlen Zweigen illustriert wird, an denen eklig glitzernde Kunstblumen zittern. (C.B.)


Leipziger Volkszeitung.18.10.08

Von allen Dingen mehr

„Faust spielen" – Die zweite Westflügel-Produktion im Lindenfels nach den Bau-Monaten
„Faust spielen" heißt, nach dem Eröffnungsstück „Passion der Schafe" Anfang September, die zweite Neuproduktion des Westflügels im Lindenfels nach einem Jahr baubedingter Auszeit. Zur Premiere am Donnerstag wurden als Akteure Michael Vogel und Christoph Bochdansky sowie für die Live-Musik Charlotte Wilde mit Beifall überschüttet.

Alles beginnt mit dem Vorhang, natürlich. Dieser aber ist zwar aus rotem Samt und gehörig gerafft, aber sonst nur ein Zitat seiner selbst. Mühelos in Taillenhöhe gehalten, begleitet er die Ansage, es gehe hier heute also um „Fffausttt". Dem folgt im geheimnisvoll ausgeleuchteten, charmant unfertigen Lindenfels-Saal ein fantasiesprühendes Feuerwerk tragikomischer Einfälle, mittels derer das Figurentheater Wilde & Vogel im kreativen Bündnis mit dem Wiener Christoph Bochdansky den Goethe-Klassiker neu erzählt.
Es ist die alte Geschichte eines Menschen, der von allen Dingen eins will: mehr. Mehr Erkenntnis, mehr Leben, mehr Liebe, mehr Kraft. Mithin ewige Jugend. In der Lesart von Michael Vogel und Bochdansky, die sich für diese zweite Westflügel-Produktion nach ihrem „Sommernachtstraum – reorganisiert" und monatelanger Bauzeit jetzt zum zweiten Mal zusammengetan haben, ist die große Parabel auch ein großes Gemisch aus derbem Schalk, lüsternen Momenten, zärtlicher Beobachtung und spannend komponiertem Bildertheater. Das alles begleitet, eigenwillig und auf so merkwürdigem wie gewohntem Instrumentarium, Charlotte Wilde, die sich gut 70 Minuten später am späten Donnerstagabend Hand in Hand mit den beiden Kollegen zum Pfeifentrampelnjubeln verbeugt. (…)

Denn was Vogel und Bochdansky, zwei melancholisch gelenkige Kasper, da miteinander, mit wenigen Marionetten und einigem Ausstattungskrimskrams zaubern, macht einfach bloß Spaß. Ist umwerfend komisch und todtraurig, wobei die Augenblicke des Kippens wirklich kostbar sind. Etwa der finale Beischlaf zwischen Faust und Helena, der in diesem Falle so aussieht: Eine Marionette mit mitleiderregend hässlichem Greisenhaupt und ansonsten aus viel schwarzem Tuch schiebt in ächzenden Stößen eine Zinkschüssel über die Bühne, in der sich, mitsamt dünnem Wasserstrahl den Jungbrunnen symbolisierend, eine zentimetergroße, nackte weibliche Gipsfigur findet, wie sie manche Zeitgenossen zur Gartenzier benutzen. Erschöpft bricht Faust dann zusammen; in einer Plasteflasche gezeugt, meldet sich alsbald Homunkulus ins Dasein, um wie einst Adolf H. Welt-Veränderungs-Absicht zu äußern.
Nicht mal der Schluss ist optimistisch. Denn mit Faust, von dem nur ein wenig Staub blieb, löst sich in einer geplatzten Tüte auch die Hoffnung auf. Die ultimative Einsicht: Hölle ist überall. Eine große, wunderbare Geschichte – wunderbar als großes Theater inszeniert. Übrigens von Regisseurin Christiane Zanger, die in den Applaus des angeregt nachdenklichen Publikums eingeschlossen war. GISELA HOYER

KULTUR, Dez 08

Eine Welt als Konzentrat

»Faust spielen« im Stuttgarter FITZ

Darf man sich diesem Über-Text derart leichtfüßig, gar frech nähern? Goethes »Faust« ist das Ehrfurchtsobjekt deutscher Literaturliebhaber. Man bewundert und vergöttert diesen Dramen-Komplex, trägt den Zitatenschatz andächtig mit sich herum, auch wenn heutzutage längst nicht mehr vorausgesetzt werden kann, dass ihn kennt, wer von ihm redet.

Mit all dieser Ehrfurcht kann das Stuttgarter Figurentheater Michael Vogel und Charlotte Wilde wenig anfangen. Den Wiener Figurenspieler Christoph Bochdansky hat sich das Duo ins Boot geholt, dazu die Stuttgarter Figurentheater-Regisseurin Christiane Zanger, um Goethes »Faust« zu zerlegen. Beide Dramenteile hat sich das Quartett vorgenommen und auf 75 Minuten zurechtgestutzt; jetzt kommen sie als grelles Stationendrama daher.

Im »Prolog im Himmel« verkriecht sich Mephisto in einem gelben Müllsack - als hätte er Angst vor dem, was er mit seiner Wette mit Gott gleich lostreten wird. Der alte Faust: eine Handpuppe mit großer Nase, strohigem Haar und zotteligem Mantel, ein alter, dem Tode naher Weltenforscher, der sich noch einmal kurz aufraffen will zu jugendlichem Gefühl und Habitus. Christoph Bochdansky und Michael Vogel kriechen über die Bühne des FITZ, winden sich, verschlingen ihre Körper und die der Marionetten, Hand- und Stabpuppen miteinander und lassen immer wieder im technisch großartigen Spiel vergessen, dass hier Puppen die Darsteller sind. Vogelartig mit dem Kopf nickend und zustoßend nähert sich der alte Faust der üppigen Helena im Kleinformat, schlängelt den Körper um den Jungbrunnen und will ihn fortan kaum mehr loslassen. Vogel und Bochdansky sind zwei großartige Künstler, die ihren Figuren Leben einhauchen, ihre Körper sprechen lassen, die Begierden, Sorgen, Ängste und Gefühle dieser unbeseelten Seelen erfahrbar machen. Manchmal genügt dafür, etwa in der Gretchen-Szene, eine transparente Latex-Maske, die in der richtigen Beleuchtung verblüffende dreidimensionale Effekte erzeugt und vergessen lässt, dass dies nur ein angedeutetes Gesicht ist.

Der Zuschauer assoziiert den restlichen Körper, ist ergriffen von der Ausdruckskraft dieses starren Gesichts - ein Paradox, so scheint es. Und vielleicht liegt darin der Zauber der beiden Figurenspieler, dass. sie mit wenigen Mitteln maximale Effekte erzielen können. Eine kleine Bühne, eine Handvoll Figuren und ein paar Requisiten genügen, um den Goetheschen Kosmos mit prallem Leben zu füllen.
Solch ein Konzept bedeutet immer auch Reduktion. Der »Faust« wird gnadenlos zusammengestrichen. Bei aller Kürze der Aufführung werden hier alle großen Themen verhandelt: Wissenshunger, Religionskritik, Fausts und Gretchens Liebeserwachen, soziale Utopien werden dargestellt, manchmal nur auf eine Szene oder wenige Verse reduziert. Vogel und Bochdansky lassen nicht nur ihre Figuren handeln, sie geleiten den Zuschauer auch mit Zitaten durch das Riesendrama. Allerdings stutzen sie den Stoff auf übermütige Art zurecht, bieten Häppchen, die doch wieder Appetit aufs Ganze machen.

Wie immer, wenn Michael Vogel Figuren führt, tut er dies im Verbund mit Charlotte Wilde, die unablässig zwischen den im Bühnenhintergrund installierten Musizierplätzen hin- und herwandert. Mal lässt sie elektronische Streichinstrumente quietschen, brummen, dröhnen, mal entlockt sie Steinen, Holz und Metall perkussive Klänge. Obwohl Wildes Kompositionen und Improvisationen den Charakter einer Dauerbeschallung haben, sind sie doch sinnstiftend, geben dem Spiel eine psychisch-emotionale Dimension, die viel von dem auffängt, was der Textkürzung zum Opfer gefallen ist. Da reicht ein Zitat aus Franz Schuberts Liedzyklus »Die schöne Müllerin« - und das Gefühl von Melancholie und Weltschmerz stellt sich ein.

Das alles fügt sich in die kahle, kalte Ästhetik der von Bochdansky und Vogel gestalteten Bühnenwelt. Ein einsamer Zweig erzeugt die Illusion von Goethes »Anmutiger Gegend«; giftgrünes Licht überzeichnet manch überdrehtes Handeln. Respektlos könnte man diese Annäherung an »Faust« nennen, aber auch grandios, weil mit leichter Hand der Ballast der Tradition weggefegt wird und dieser »Faust« auf seine Wurzeln zurückverweist. Denn auf derben Wanderbühnen wurde Faust einst lebendig und gelangte von dort erst in die hohe Literatur.
Markus Dippold

Leipzig Almanach

In 80 Minuten durch Fausts Kopf

In Faust spielen wagen sich das Figurentheater Wilde&Vogel und Christoph Bochdansky mit viel Ironie an einen Klassiker und geben der Tragödie erster und zweiter Teil als bilderreiches Panoptikum.

Ich träumte, es würde ein Tag kommen, an dem ich vorweg wüsste, was ich sagen wollte, und an dem ich nichts mehr zu tun hätte als es zu sagen. Es war ein Altersreflex. Ich malte mir aus, ich wäre endlich in dem Alter angekommen, wo man nur noch abzuspulen hätte, was man im Kopf hat.
Michel Foucault: Die Sorge um die Wahrheit

Zusammengesunken kauert der greise Faust in einer Ecke des Bühnenraums. Weder Mangel, Not noch Schuld konnten ihm etwas anhaben. Doch die Sorge macht ihm zu schaffen. Als vogelartiges Wesen tritt sie an den Doktor heran, blendet ihn mit langem Stachel und zieht sein Augenlicht als blutig-roten Faden aus den leeren Höhlen. Auf seine Innenwelt zurückgeworfen, besinnt sich Faust auf Stationen seines Lebens und eine retrospektive Achterbahnfahrt durch eine unheilige Existenz beginnt, die mit dem Teufelspakt in der Studierstube ihren Anfang nahm.

Wir erinnern uns: Heinrich Faust, fächerreich studiert und forschenden Charakters resümiert sein bisheriges Leben. In der Quintessenz, so Fausts Urteil, sei er zu keiner tieferen Wahrheit vorgestoßen und hat noch immer keinen Schimmer, was die Welt sprichwörtlich "im Innersten zusammen hält". Der diabolische Mephisto bietet dem Ratsuchenden seine Hilfe an: Schon bald verführt Faust ein unschuldiges Mädchen, begeht Totschlag und verzagt an der Gretchenfrage. Vom Einzelschicksal wendet sich das Geschehen ab und wird zum Gesellschaftsdrama, wenn Faust hernach durch die Zeiten reist und für einen mittelalterlichen Kaiser fechtet, die holde Helena schwängert, zum visionären Lehnsherrn wird.

Das Figurentheater Wilde&Vogel und Christoph Bochdansky haben Goethes Zweiteiler in einen rasant geschnittenen Streifen in Fausts Kopfkino verwandelt. Die Koproduktion mit dem Leipziger Lindenfels Westflügel und Stuttgarter FITZ! ist eine wechselhafte Tour de Force durchs Klassikeruniversum: Szenische Tableaus scheinen kurz auf, um schon von einem anderen ersetzt zu werden, das in diesem bilderreichen Panoptikum den nächsten Akt gibt. Wie beim flinken Durchblättern eines Leporellos passieren sie Revue, erfahren die Zuschauer in 80 Minuten, wie sich Fausts Wille zum Wissen im Scheitern entlädt.

So verschwimmen die Szenen, und wessen Faust-Lektüre bereits etwas zurückliegt, der wird sie nicht alle genau einordnen können. Das macht aber gar nichts, weil die Inszenierung durch ihre Eigenständigkeit besticht. Nicht zuletzt ist der Mut zu loben, sich gerade dieses Klassikers angenommen und ins Wilde&Vogel-Format überführt zu haben - und das ohne allzu große Ehrfurcht vor der Vorlage. Hemmungslos bricht sich die Spielfreude Bahn, triumphieren dem Tragödienthema zum Trotz die witzigen Momente. Dabei schaffen es Vogel und Bochdanksy mit wenigen Mitteln ihr effektvolles Spiel zu gestalten. Zur Walpurgisnacht genügt dem Duo ein Pferdehuf und etwas Nebel reichen, um in aller Zügellosigkeit die Schwarze Messe zu zelebrieren. Helena steht als antiquierte Statue in einem Waschtrog wenig anmutig im Raum. In berühmter Goethepose auf dem Divan liegt ein goldbestückter Faust einmal da und schaut in die Landschaft. Auch sind in diesem Stück viele technische Tüfteleien und raffinierte Details zu erleben, die als Markenzeichen von Michael Vogels Ausstattung gelten dürfen. In dieser Hinsicht am wunderbarsten nimmt sich die Laboratoriumsszene aus. Der Homunkulus tritt en miniature auf: Eine Plastikflasche ersetzt die Phiole, in der sich das elektrisch betriebene Figürchen wütend-bebend aufführt und sein Gehäuse verlassen will. Dabei fehlt ihm Draußen die Lebensluft. Mitleid erzeugt eine kleine Schnecke, die an der Bühnenperipherie entlang zuckelt, bis sie schließlich Opfer eines brachialen Stiefeltritts wird. Begleitet, untermalt und bereichert wird das Bühnengeschehen durch Charlotte Wilde, die mit experimentellen Klanginstallationen einen angemessenen Soundtrack live erschafft.
Faust spielen ist mal derb, mal zart, ist zünftiges Kasperltheater, wildes Handgemenge und Possenreißen, rauschhaftes Treiben, düsterer Reigen und Mysterienspiel. Ironisch durch und durch, ist diese Adaption des tragischen Goethestoffes, der das Faustische als Grundmotiv der Moderne erkennt, so gar kein Trauerspiel. (Tobias Prüwer)

 

Kreuzer Leipzig, Jan 2009

Faust im Schnelldurchlauf

Der Lindenfels Westflügel saust durch den hartnäckigsten Stoff der Weltliteratur

Na endlich, nach Umbau- und Renovierungsphase die neue Produktion im unschlagbaren Charme der Westflügel-Räume! Und da nehmen sich Wilde & Vogel in Zusammenarbeit mit Christoph Bochdansky nichts weniger vor als Goethes »Faust« - und zwar den ersten und zweiten Teil. In der Regie von Christiane Zanger entsteht eine skurril-freche Sausfahrt durch einen der hart nackigsten Stoffe der Weltliteratur. Und unverhofft kann die Tragödie um Erkenntnis, um Liebe und um Tod verführen und erfreuen.

Das mag zum Teil daran liegen, dass in diesem »Faust spielen« die Welt im Inneren so gar nichts zusammenhält. Vielmehr fliegt alles ziemlich wild durch die Gegend: zwei Spieler, allerlei Elfen- und Fabelhaftes, Masken, Totenköpfe. Schnecken - all das bevölkert bunt den Raum.
Es beginnt mit dem Ende: Faust erblindet, die Sorge tritt auf. das Ding scheint mal wieder gelaufen. Doch dann startet der Ritt durch die Szenen, vom Prolog über das gotische Zimmer, die Hexenküche wird zur anmutigen Gegend. Während der beflissene Goethekenner die Orte, Figuren und Handlungen abzuhaken versucht, entwickelt sich auf der Bühne ein dafür viel zu schneller Zauber.

Im ersten Teil dominiert der Schalk des Volksstücks. Die beiden Spieler Vogel und Bochdansky wühlen sich clownesk durch die Lebensfülle des Textes. Bald ist Faust aus seiner Studierstube gelockt und amüsiert sich mit allerlei Klumpfuß und Maskerade auf dem Blocksberg. Zu all dem Weltentaumel findet die Musikerin Charlotte Wilde psychedelische Klänge und starke Rhythmen, die von vier Soundinseln das kleine Welttheater umquietschen und umschnarren. Unterallerlei Nebel- und Rauchschwaden haucht Gretchen ihr »Heinrich...«. und alle Mitwirkenden finden sich zur Pause ein.

Nach kurzem Verschnaufen und Aufräumen ist die Bühne wieder frei für die Reise ins Mythische. Hier entstehen neben gelungenen Theaterbildern vor allem freche Konkretisierungen all der Figuren. Anspielungen und Verweise dieses Über-Textes: Homunkulus, ein ferngesteuertes Mini-Püppchen in der Flasche, äußert Allmachtsfantasien a la »Ich will wachsen«, und die herrliche Helene zeigt sich als kitschig-pseudoantike Gipsfigur in Badebütte. Zum Ende hin wird's melancholischer, eine Papiertüte platzt, und heraus kommt Staub, »alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis« ... Was bleibt, ist ein alles in allem gelungener, oft komischer und berührender Theaterabend.